Die Angebetete

Sachsen – Heimat von Feinarbeit und Alltagsluxus: Thürmsdorf hat die erste Naschmanufaktur mit Biozertifikat.

Was süß ist, teilt das Land. Die einen setzen kiloschwer Hüftgold an, weil sie geschmacksverstärkte Massenware zu Billigpreisen essen und eine Überdosis Kohlenhydrate mit Fantacolasprite zu sich nehmen. Die anderen ernähren sich bewusst, wählen aus, betrachten Zucker ehe als Opium fürs Volk statt nötigen Zusatz für eine gesunde Ernährung. Das Essverhalten zwischen Abfüttern und Genuss spaltet die Gesellschaft der Verbraucher. Übergewicht gilt inzwischen als Zeichen für sozial schwach, Normalgewicht als Symbol für sozial gefestigt.

Diese Klasseneinteilung am Esstisch der Nation ist genauso Klischee, wie sie eine Menge Wahrheit in sich birgt. Dabei sind die Süßigkeiten gar nicht das Problem. Da weiß ja jeder, was er verdaut. Dickmacher verstecken sich vielmehr in Waren, die als Fitness-Riegel, Muntermacher-Müsli, Glücklichmach-Pizza oder Spaß-Getränk angepriesen werden. Im Grunde ist das schnell zu durchschauen. Aber leider lassen sich nach wie vor viel zu viele Verbraucher von der Scheinheiligkeitswerbung der Lebensmittelindustrie verführen.

Dabei gibt es längst Alternativen. Der Verbraucher muss sie nur beachten. Wer das tut, dem wird Süßes das Leben nicht versauern. Auch bei Pralinen oder Schokolade gilt eine Regel längst als verbindlich: Qualität entscheidet über den Genuss und das Gewicht. Wer gezielt auswählt, ernährt sich geschmackvoll und ohne schlechtes Gewissen. Deshalb etablieren sich in Sachsen immer mehr kleine, aber feine Chocolaterien oder Schokolaterien – Manufakturen mit angeschlossenen Läden. Hier wird mit ausgesuchten Rohstoffen per Hand ein Genussmittel hergestellt, das charmant serviert dem Gaumen Freude bringt.

Die sächsischen Schokoladenhersteller bewegen sich mit ihren kleinen Unternehmen in einer großen Tradition, denn die erste Milchschokolade kam aus Dresden, nicht aus der Schweiz. Das bestätigte 2011 der Verein für Wissenschaftler und ingenieurtechnische Mitarbeiter Dresden mit einer Forschungsarbeit. Erzählt wird die Geschichte der Schokoladenstadt übrigens ab dem 30. November in einer Sonderausstellung im Stadtmuseum der Elbestadt.

Zu den traditionsreichsten Herstellern der süßen Zunft gehörte Otto Rüger. Gegründet wurde sein Unternehmen 1858. Rüger wurde rasch erfolgreich und eröffnete ein weiteres Werk in Bodenbach in Böhmen. Er belieferte nicht nur die Aristokratie, sondern auch den kaiserlichen Hof in Wien. Dafür wurde er zum k.u.k. Hoflieferanten ernannt. Sein „Hansi“ tummelte sich als sympathische Werbefigur europaweit auf Plakaten, Dosen und Emailleschildern. Der Tradition der Rüger-Manufakturen nahmen sich Susanne Engler und Moritz Hitzer an und gründeten 2009 in Thürmsdorf in der Sächsischen Schweiz ihr Naschwerk. Das nennt sich Adoratio, was nicht weniger als Anbetung heißt.

Susanne Engler studierte eigentlich Soziologie. Aber schon immer wollte sie wissen, wie gute Schokolade entsteht. Sie lernte das Handwerk bei einem Pralinenmeister. Die schlanke Frau ist so der personifizierte Zusammenhang zwischen dem Erkennen gesellschaftlicher Entwicklung und Ernährung. Sie ist überzeugt, dass die beste Qualität eines Lebensmittels nur durch regionalen Anbau und manuelle Verarbeitung entsteht. Das gilt nicht nur für Sachsen, sondern weltweit. Deshalb bezieht sie die Kakaobohnen aus einer Kooperative aus Peru. Geröstet werden die Bohnen in einer Kaffeerösterei in Dresden, alle anderen Zutaten stammen von Anbietern aus der näheren Umgebung von Thürmsdorf. Dazu gehören Äpfel von den eigenen Streuobstwiesen, die für die Produktion von Apfelringen genutzt werden. Alle Beigaben sind frei von Konservierungsstoffen und Geschmacksverstärkern.

Auch deswegen darf sich die kleine Schokoladenfabrik die erste biozertifizierte Naschwarenmanufaktur Sachsens nennen. Allerdings hat die Auszeichnung nicht nur mit den Rohstoffen an sich zu tun, sondern auch mit dem Transport der Kakaobohne. Die Thürmsdorfer verzichten auf Chemie, die bei Massenware in Containern Schädlinge vertreiben soll. Sie nehmen nur kleine Mengen, die nicht erst beim Transport ausreifen und trocknen, sondern schon vor Ort. Allein dies sei ein ganz wesentlicher Faktor für die Reinheit der Produkte, sagt Susanne Engler.

Erst wenn die Voraussetzungen stimmen, beginnt ihre eigentliche Arbeit. Sie kreiert Pralinen nach eigenen Rezepten, sie mischt, gießt die Schokolade in Rahmen, lässt sie eine Nacht stehen, um sie dann zu schneiden. Alles per Hand, alles mit Bedacht und Ruhe. Ihre Kirsch-Chili-Trüffelcreme gehört inzwischen zu den beliebtesten Angeboten. Sie besteht aus 70 Prozent Kakaoanteil, Kirschsaft, Sahne, einen Hauch Chili und Butter. Das Stück zergeht auf der Zunge. Eine andere Spezialität sind die mit Schokolade überzogenen Trockenfrüchte oder Nüsse. Echt süß.

Unser Autor arbeitet seit 1993 für die SZ, schreibt Bücher über Dresden und die Sachsen, ihre Kultur, Mentalität, Sprache und Geschichte. Mehr unter: www.peterufer.de

Artikel aus der Sächsischen Zeitung vom 15.11.2013

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